gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Geschichte (Seite 1 von 5)

Das südliche Teilstück der Strategischen Bahn

Trasse der Strategischen Bahn bei Ringen

Eine späte Ergänzung zum Eintrag über den Strategischen Bahndamm, einem der interessantesten verlorenen Orte hier in der Region. Es gibt außer dem beschriebenen Streckenabschnitt zwischen Rommerskirchen und Neuss, wo die Rückriem-Skulpturen aufgestellt wurden, noch einige weitere Spuren dieses nie vollendeten Bahnprojekts. Westlich von Köln zum Beispiel: Hier sollte die Strategische Bahn über Trassen geführt werden, die von der Bergheimer Kreisbahn genutzt wurden, einer der vielen regionalen Bahngesellschaften, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts an Rhein und Ruhr entstanden.

Trasse der Strategischen Bahn bei Horrem

Zwei Streckenabschnitte werden heute noch durch Bahnverkehr genutzt: Auf derm Abschnitt Rommerskirchen – Niederaußem fahren Güterzüge, auf dem Teilstück zwischen Bergheim und Horrem verkehrt heute die Erftbahn, ein Regionalzug der DB. Südwestlich von Horrem stößt man außerdem noch auf einen etwa 2,5 Kilometer langen und dicht bewachsenen Bahndamm und einige Brückenbauwerke: Hier sollte die Strategische Bahn die Strecke Köln – Aachen – Lüttich kreuzen und dann beim Dörfchen Mödrath auf die Trasse einer weiteren regionalen Bahngesellschaft stoßen, der Mödrath-Liblar-Brühler Eisenbahn. Mödrath ist längst durch den Braunkohle-Tagebau abgebaggert worden, ebenso die Streckenabschnitte Niederaußem – Bergheim und Mödrath – Liblar.

Südlich von Liblar wiederum wurde die Strategische Bahn weitgehend durch die Trasse der A61 überbaut, und man stößt erst kurz hinter der rheinland-pfälzischen Landesgrenze wieder auf Spuren des Streckenverlaufs. Interessanterweise an einem Abschnitt der Autobahn, der ebenfalls aus strategischen Gründen besonders angelegt wurde: Am Autobahnkreuz Meckenheim verläuft die Straße für gut 2 Kilometer schnurgerade, wird weder von Brücken noch Hochspannungsleitungen überquert und der Mittelstreifen ist nicht begrünt, sondern nur betoniert. Im Kriegsfall sollte die Autobahn nämlich als Behelfsflugplatz dienen können, und zwar als Flugplatz von ganz besonderer Bedeutung: Ein paar Kilometer südlich befand sich der Regierungsbunker, beziehungsweise – wie es offiziell hieß – der „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit (AdVB)“.

Auf diese Bunkeranlage komme ich gleich noch einmal zurück, aber zunächst soll es wieder um die Strategische Bahn gehen: Deren Spuren tauchen nämlich quasi dort wieder auf, wo die Landebahn endet. Und von hier aus kann man dem geplanten Streckenverlauf – beziehungsweise dem, was davon gebaut wurde und erhalten geblieben ist – wieder ganz gut folgen. Hier begann auch das anspruchsvollste Teilstück der Strategischen Bahn, weil sie von der Hochfläche der sogenannten „Grafschaft“ in einem weiten Bogen ins 100 Meter tiefer gelegene Ahrtal geführt werden sollte. Um den Höhenunterschied zu bewältigen, mußten Bahndämme, Tröge, Brücken und Tunnel angelegt werden. Damit wurde auch um 1904 begonnen, aber wie beim Rommerskirchener Streckenabschnitt waren die Arbeiten bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht beendet und wurden nach Kriegsende nicht mehr aufgenommen. Von dem, was schon gebaut worden war, ist einiges stehen geblieben: Der Bau einer Bahnstrecke ist ein erheblicher Eingriff in die Landschaft, der nicht so schnell wieder verschwindet.

Trasse der Strategischen Bahn

Ich habe mir mal die Mühe gemacht, die Spuren auch dieses Abschnitts der Strategischen Bahn zu einer kleinen Tour zu verbinden. Anders als die Route bei Rommerskirchen, die weitgehend eben verläuft, ist diese Tour mit knapp 26 Kilometern nur etwas für konditionsstarke Wanderer, zumal im Ahrtal auch ein paar Steigungen zu bewältigen sind. Die Strecke ist deshalb so lang, weil ich als Anfangs- und Endpunkte die nächstmöglichen Bahnhöfe gewählt habe. Das heißt allerdings, dass man vom Start der Tour in Meckenheim fast acht Kilometer zurücklegen muss, bevor man überhaupt auf die Strategische Bahn stößt. Wer einen besseren Ausgangspunkt kennt (z.B. eine Bushaltestelle in der Nähe der A61), kann das gerne in den Kommentaren vermerken. Die Tour kann auch mit einem geländegängigen Fahrrad absolviert werden, von einigen Schiebe- und Tragestrecken abgesehen kommt man ganz gut durch.

A61 bei Meckenheim

Startpunkt ist, wie gesagt, der Bahnhof in Meckenheim. Von dort aus geht es zunächst auf einem angenehmen Rad- und Fußweg entlang der Swist und, hinter der A565, über landwirtschaftliche Wege in Richtung A61, die südöstlich von Eckendorf erreicht wird. Die Autobahn wird über eine kleine Brücke überquert, ziemlich genau am südlichen Ende der Landebahn des Behelfsflugplatzes. Hier lässt sich nun auch die Spur der Strategischen Bahn aufnehmen, auch wenn von der Trasse nicht viel zu sehen ist: Ihr Verlauf entspricht dem kleinen landwirtschaftlichen Sträßchen, das von der Brücke aus entlang der Autobahn verläuft und nach einigen Metern in eine grasbewachsene Piste zwischen Büschen und Feldern übergeht. Die Autobahn schwenkt hier nach Osten ab, die Bahnstrecke verläuft jedoch schnurgerade weiter bis an den Ortsrand von Ringen. Kurz vor Ringen, etwa auf der Höhe eines Fisch- oder Klärteichs, müssen allerdings einige Felder und ein Schulgebäude umgangen werden.

Trasse der Strategischen Bahn bei Ringen

Die Strategische Bahn findet man bezeichnenderweise in der Bahnhofstraße wieder: Zunächst als schmalen Fußweg, der hinter einem Supermarkt hindurchführt, und dann, nach Überquerung einer Landstraße und einem kurzen Treppenaufstieg, als schattiger Bahndamm. Nach etwa 500 Metern ist die Strecke allerdings erneut unterbrochen, zum einen durch die Grube Lantershofen und dann durch das Gelände eines privaten Verkehrsübungsplatzes. Beide Areale muss man in einem großen Bogen umgehen, in dem man vom Ende des Bahndamms zunächst ein paar Schritte auf dem parallel verlaufenden landwirtschaftlichen Weg zurück geht, beim ersten Bauernhof links abbiegt und nach etwa 400 Metern wiederum links über eine wenig befahrene Piste auf den Wald zu hält. (Dieser Abzweig ist nicht ganz einfach zu finden.)

Strategische Bahn bei Lantershofen

Folgt man dieser gut sichtbaren, aber teilweise grasbewachsenen Piste durch den Wald, stößt man nach 500 Metern erneut auf die Bahnstrecke, direkt am südlichen Ende des Übungsplatzes und kurz bevor sich die Piste in einer Serpentine zu einer Wiese senkt. Für die nächsten 500 Meter folgt man einfach der gut erkennbaren Trasse, überquert fast unmerklich eine hohe Brücke und erreicht schließlich am Waldrand einen Punkt, wo die Bahnlinie im Trog weiterführen sollte. Dieser Trog ist mittlerweile dicht zugewuchert und unpassierbar, aber sowohl links als auch rechts davon verlaufen angenehme und leicht begehbare Wege. Hier beginnt der schönste Abschnitt der Route: Man hält sich zunächst auf der linken Seite des Trogs (da hat man die schönere Aussicht), passiert eine alte Brücke und wechselt dann wenig später auf die rechte Seite. Die Route im wesentlichen dem gut ausgeschilderten Rotweinwanderweg.

Strategische Bahn oberhalb von Ahrweiler

Schnell sind wir mitten in den Weinbergen. Die Bahnstrecke läuft immer parallel zu unserem Weg, meist erhöht auf einem Damm und oft mit Weinreben bepflanzt. Oberhalb von Ahrweiler passiert man eine kleine Kapelle mit einem Rastplatz, die beide direkt auf die Trasse gebaut wurden. Kurz dahinter das spektakulärste Überbleibsel der Bahn: Mächtige Pfeiler eines nie vollendeten Viadukts. Die Bahn sollte hier ein tief eingeschnittenes Tälchen überqueren und auf der gegenüberliegenden Seite im ersten von insgesamt fünf Tunneln verschwinden. Ohne Brücke sehen die massiven Pfeilerstümpfe reichlich bizarr aus, wie verlassene Wachtürme einer Felsenfestung aus einem Spionagethriller. Seit einigen Jahren werden sie als Kletterpark genutzt, und die Seilbrücken, die zwischen den Pfeilern gespannt sind, lassen sie noch kulissenhafter aussehen.

Brückenviadukt Ahrweiler

Wir gehen auf einem Treppenweg an einigen Pfeilerstümpfen entlang, halten uns dann rechts und erreichen eine Kreuzung, wo wir den links bergan führenden Weg nehmen. (Wer die Route hier unterbrechen möchte, kann aber auch talwärts zum Bahnhof von Ahrweiler gehen.) Kurz vor einem Aussichtspunkt mit Holzkreuz führt ein breiter Weg nach rechts: Hier erreicht man nach einigen Metern das Portal des Silberberg-Tunnels. Dort gibt es eine Aussichtsplattform, wo man sich die Brückenpfeiler von der anderen Seite begucken kann. Der Tunnel wurde im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker genutzt – örtliche Heimatkundler haben darum das Portal zu einer Gedenkstätte umgestaltet, in der die behelfsmäßige Einrichtung des Schutzraums nachgebaut wurde.

Regierungsbunker Ahrweiler

Von hier geht’s zurück zum Holzkreuz, und wieder weiter auf dem Rotweinwanderweg. Nach etwa anderthalb Kilometern erreicht man den Eingangsbereich des zweiten spektakulären Monuments auf unserer Route: Einen der Eingänge des ehemaligen Regierungsbunkers. Beim Bau dieser Anlage nutzte man die Vorarbeiten für die Strategische Bahn, indem einige Tunnel durch zusätzliche Stollen erweitert und zu einem unterirdischen Komplex ausgebaut wurden, der 3.000 Regierungsmitglieder und -mitarbeiter im Ernstfall unterbringen sollte. Die Lage des Unterschlupfs im schmalen und zerklüfteten Ahrtal hat tatsächlich etwas von der oben erwähnten Felsenfestung, aber das Bauwerk hätte einem atomaren Angriff kaum standgehalten: Die Sprengkraft einer Fünf-Megatonnen-Bombe hätte ausgereicht, „den Weinberg samt Bunker zu Staub zerblasen [und] alle Beteiligten als nuklearen Fallout über den Rhein“, zu verstreuen, spottet einestages.de.

Schon während des Zweiten Weltkriegs wurden die Tunnel übrigens für militärische Zwecke genutzt, nämlich als unterirdische Rüstungsfabriken, in denen Zwangsarbeiter unter anderem Einzelteile für die V2-Raketen zusammenschrauben mussten. Nach dem Ende des Kalten Krieges fand sich für den Bunker kein Verwendungszweck mehr, und auch kein Investor, der mit der unterirdischen Immobilie etwas hätte anfangen können. Die Anlagen wurden leergeräumt, zurückgebaut und größtenteils abgerissen. Ein kleiner Teil der Anlage wurde mittlerweile als Museum zugänglich gemacht und lohnt auf jeden Fall einen Besuch, und sei es nur, um sich ob der klaustrophobischen Enge und des morbiden 60er-Jahre-Chics der Bunkereinrichtungen dezent zu gruseln. (Nur am Wochenende geöffnet.)

Regierungsbunker Marienthal

Vom Regierungsbunker aus könnte man weiter auf dem Rotweinwanderweg bleiben, aber die Route finde ich hier etwas langweilig. Ein schönerer Weg führt über ein kleines Sträßchen, dass sich ein paar Schritte hinter dem Bunker bergauf windet und bald in einen breiten Waldweg übergeht. Immer dem breiten Weg folgen, bis man wieder ins Freie kommt und unterhalb eines Weinhangs einen Wanderparkplatz mit dem hübschen Namen „Bunte Kuh“ erreicht. Von dort geht es auf einem kleinen Sträßchen nach Westen bis zum Försterhof, einem Ausflugslokal, wo man wiederum dem Rotweinwanderweg folgt, der hier rechts abbiegt. Der Weg führt abwechselnd durch Wald und Weinberge, mit herrlichen Ausblicken ins Ahrtal. Nach etwa 3 Kilometern erreicht man oberhalb des Klosters Marienthal zwei weitere, mittlerweile verschweißte Eingangsbauwerke des Bunkerkomplexes, der hier durch einen Taleinschnitt in zwei Einheiten getrennt wurde. Gut auf die Beschilderung des Rotweinwanderweges achten, der direkt am gegenüberliegenden Hang wieder in die Weinberge führt.

Sonderberg-Tunnel

Das westlichste Eingangsportal des Bunkers findet sich schließlich nach weiteren zwei Kilometern schöner Strecke, die sich wie die Tribüne eines Amphitheaters um den Ort Dernau legt. Hier gibt es, auf einer kleinen Brücke, die ganz offensichtlich für die Bahnstrecke gebaut wurde, auch wieder einen kleinen Rastplatz. Der Rotweinwanderweg führt hier knapp oberhalb von Dernau auf einem kleinen Asphaltsträßchen entlang. Man passiert den kurzen Sonderberg-Tunnel, der heute offenbar als Lagerhalle genutzt wird und unterquert mit dem Rotweinwanderweg die Kreisstraße 35, hält sich direkt hinter der Unterführung aber sofort links und folgt dem Weg, der parallel zur Straße verläuft.

Strategischer Bahndamm bei Rech

Von der Strategischen Bahn ist hier nicht mehr viel zu sehen: Sie wäre hier quer durch das Wohngebiet unterhalb der Wanderroute verlaufen und weiter dort, wo der Steilhang hinter gemauerten Stützbauten dicht an den Wanderweg stößt. Beim Örtchen Rech sollte die Bahn außerdem wieder in einem Tunnel durch den Berg stoßen. Davon ist aber nicht mehr viel zu sehen, bis auf ein paar Befestigungsbauten hinter Rech, in einem (privaten) Weinberg, direkt neben dem Fuß- und Radweg, der vom Haltepunkt der Ahrtalbahn an den Gleisen entlang Richtung Mayschoß führt. Wo die B267 den Radweg kreuzt, sollte die Strategische Bahn schließlich auf die Ahrstrecke treffen, um dann im weiteren Verlauf via Trier Richtung Metz zu führen.

An dieser Stelle ließe sich auch die Tour entlang der Strategischen Bahn beenden: Bis zum Bahnhof in Mayschoß sind es nur noch ein paar hundert Meter.

Saint-Vincent in Lüttich

Saint-Vincent

In Lüttich steht direkt an einer der belebtesten Kreuzungen diese bemerkenswerte Kirche. Das mächtige Art-Déco-Portal sieht aus wie ein überdimensionaler Radioapparat: Hier funkt Gott. In der Junisonne leuchten die Außenwände des Baus, als wären sie aus einem fremdartigen, nicht wirklich irdischen Material hergestellt: Das lässt vermuten, das hier gleich eine überaus wichtige Nachricht erschallen soll, die auch den lärmenden Straßenverkehr verstummen lassen wird. Weiterlesen

Biskupia Górka

Biskupia Górka

Biskupia Górka liegt nur ein paar Schritte von der Danziger Innenstadt entfernt. Touristen kommen hier aber nur selten hin. Warum auch? Das Viertel hat nichts von der Musealität der wiederhergestellten Innenstadt. Die Hausfassaden sind heruntergekommen, holzkohlengeschwärzt und offenbar seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verputzt worden. Wie sonst könnte man an einigen Fassaden noch deutsche Inschriften erkennen: Hier gab es mal eine „Milch-Verkaufsstelle“, eine Hausnummer weiter wurde Seife verkauft oder hergestellt, und in einem anderen Haus war mal eine Bäckerei.

So ein Viertel besucht man natürlich nur, wenn man mal sehen will, wie die Normalen Menschen so leben. Wobei wir als reflektierte Touristen natürlich auch Common People
gehört haben und wissen, dass es die Normalen Menschen nicht unbedingt mögen, wenn ihr Normales Leben als Exponat begafft wird. Weiterlesen

Ciceros Witze

Die englische Althistorikerin Mary Beard hab ich hier schon mal gelobt, aber es gibt gleich zwei Gründe, noch einmal auf sie hinzuweisen. Zum einen hat sie ein feines Buch über Pompeji veröffentlicht, an dem sehr schön zu bewundern ist, wie einem scheinbar totgeschriebenen Gegenstand noch interessante Seiten abzugewinnen sind.

Beard nimmt Pompeji zum Anlass, eine Geschichte des römischen Alltags zu schreiben. Das ist schön zu lesen, vor allem, wenn man die örtlichen Gegebenheiten kennt. Und wer sie nicht kennt, könnte sich ruhig einen Besuch dort vornehmen und das Buch als Reiseführer einpacken. Einen kleinen Appetizer gibt’s in ihrem Blog.

Zum anderen hält Beard derzeit eine Reihe von Vorlesungen an der Universität Berkeley. Thema: „Römisches Gelächter“. Zwei der Vorlesungen gibt es bereits zum Download auf der zugehörigen Website, weitere sollen folgen. Wer das Verdikt der Titanic, das beste an den antiken Komikautoren sei ihr Ruf, „sie zu lesen, schadet ihm meistens“, mit wissenschaftlicher Unterstützung überprüfen will, oder herausfinden möchte, warum es so difficile gewesen sein soll, satiram non scribere, sollte sich stante pede dorthin verfügen.

„The Equivalent of Leeds“

Fylingdale Moors
Foto: Pat O’Halloran

In diesem faszinierenden Artikel lesen wir, wie eine ökologische Katastrophe zu einer archäologischen Entdeckung geführt hat. Zwischen dem 17. und 21. September 2003 verwüstete ein Flächenbrand ein zweieinhalb Quadratkilometer großes Areal in den North York Moors. Die Zerstörungskraft des Feuers war so stark, dass auch große Teile der Torfschicht verbrannt wurden. Zum Vorschein kamen prähistorische Feldersysteme und Felsreliefs, Drainagen und Kanäle des Alaunabbaus im 18. und 19. Jahrhundert, Reste der Manöver- und Verteidigungsanlagen des 2. Weltkriegs, lesen wir an anderer Stelle. Weiterlesen

Die Teufelstreppe von Koblenz

Teufelstreppe Koblenz

Auf einigen Stadtplänen findet man sie noch (und sogar bei Yahoo Maps, aber nicht bei Google). Das städtische Fremdenverkehrsamt erwähnt sie immerhin beiläufig, und wenn ich es richtig weiss, dient sie sie noch als Grenzmarkierung für Wahlkreise und andere administrative Belange: Die Teufelstreppe in Koblenz. Weiterlesen

Operation Wunderland

Morgen beginnt im WDR die Ausstrahlung der dreiteiligen Dokumentation Operation Wunderland, und die empfehle ich gerne weiter. Nicht nur, weil Regisseur Christoph Weber ein guter Freund ist (auf dessen Arbeit ich hier auch schon mal hingewiesen habe). Sondern weil es sich dabei um eine intelligente Betrachtung der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt, mit besonderem Fokus auf die propagandistischen Bemühungen, mit denen die Deutschen zur Marktwirtschaft erzogen werden sollten.

Vom reichlich hanebüchenen Pressetext sollte man sich allerdings nicht abschrecken lassen: Operation Wunderland, lesen wir da,

enthüllt zum ersten Mal, wie die USA sich nach dem Krieg Westdeutschland nach ihren Wünschen gestalteten. Alle entscheidenden Fäden hinter den Kulissen zogen in der Zeit nach 1945 die Amerikaner. Das Maß der Einflussnahme reichte weit über Entnazifizierung, Umerziehung und Marshall-Plan hinaus. Amerikanischen Propagandaexperten gelang es, die öffentliche Meinung in Deutschland so geschickt zu beeinflussen, dass im demokratischen Prozess immer das herauskam, was Washington vorgab.

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Zeitschriften des spanischen Bürgerkrieges

Nova IberiaMagazines & War ist das Online-Relikt einer Ausstellung, die von Januar bis April 2007 in Madrid stattfand und sich, so der Untertitel, der „Print-Kultur“ in den Jahren 1936-1939 widmete. Ein sehenswertes Relikt ist es allemal: Die Website bietet, in einem sehr ansprechenden Layout, einen Überblick über Zeitschriften, Illustrierte, Magazine, die in dieser Zeit erschienen sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Magazine, die auf Design und Fotografie besonderen Wert legten.

Aire

Dass die Geburt der Illustrierten eine wichtige Rolle für die Entwicklung der modernen Kunst gespielt hat, war eine der Thesen, die die Ausstellung transportieren sollte: Die moderne Form der Zeitschriftengestaltung, mit ihrem größeren Augenmerk auf Layout und Design, bot ein zusätzliches Medium zur Kommunikation neuer ästhetischer und grafischer Ideen. Zugleich haben die formalen Trends moderner Kunst – Abstraktion, Reduktion, Überzeichnung – auch ihrerseits Konsequenzen für die öffentliche Auseinandersetzung mit den Inhalten gehabt, die dadurch transportiert wurden. (Und umgekehrt die Auseinandersetzung der Kunst mit den öffentlichen Themen beeinflusst.)

Impetú

Das lässt sich auf der Website in einigen Fällen sehr detailliert nachvollziehen. Einige Zeitschriften können komplett durchblättert werden, und auch wenn es zwischen den einzelnen Beispielen große Unterschiede gibt, sieht man doch, wie gezielt an vielen Stellen Grafik, Typographie und Fotografie eingesetzt werden, um die Resonanz von Botschaften und Inhalten zu beeinflussen und die Freiheit des Lesers, einfach weiterzublättern, herauszufordern. Das gilt nicht nur für die propagandistischen Inhalte im engeren Sinn: Der Krieg ist ständig präsent, aber er lässt hier und da immer noch Atempausen für Modestrecken, kulturhistorische Belehrungen oder feuilletonistische Betrachtungen. Aber gerade in diesen Versuchen, innerhalb der Apokalypse das Alltägliche zu behaupten, zeigt, wie sehr dieser Krieg auch eine Auseinandersetzung über die Moderne an sich war, und mit den unterschiedlichen Modellen, die die Dynamik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen miteinander aussöhnen sollten.

Economia

Das ist an mehr als einer Stelle Thema, etwa in der Wirtschaftszeitschrift Economia – eine Art katalanischer Urahn von brand eins, scheint mir – , wo mit den Mitteln des Layouts eine Katalonien als explizit moderne Nation aufgebaut werden soll. Aber auch die franquistischen Magazine kommen gar nicht darum herum, sich auf der grafischen Ebene in eine Auseinandersetzung zu begeben, die sonst mit Waffengewalt niedergekämpft wurde; so findet zum Beispiel – ebenfalls katalanischen – Zeitschrift Vértice neben üblichen reaktionär-katholischen Blut-und-Boden-Ästhetik auch Raum für spielerische grafische Experimente.

Vértice

Und zwischen all dem steht die omnipräsente und auch in der intensivsten Phase des Kriegs nicht pausierenden Werbung wie ein zynischer Kommentar, beispielsweise wenn „gegen Schmerzen“ einfach eine Tube Aspirin empfohlen wird.

Aspirin

Offensichtlich scheint es bei der University of Illinois noch weitere Bestände zu geben. Der entsprechende Link funktioniert bei mir allerdings nicht („No permission to access this collection“) – was allerdings auch für andere Rubriken der digitalen Bibliothek dieser Uni gilt. Nur mein Problem oder ein allgemeines?

(Via.)

Der Fall Piancone

Auf den Hauptsitz der Bank Monte dei Paschi in Siena ist am Montag ein Überfall verübt worden: Zwei Räuber haben 170.000 Euro erbeutet. Nach einer Verfolgungsjagd durch die Altstadt wurde einer der beiden gestellt, der andere ist mit der Beute noch flüchtig.

Ich stehe jedes Jahr mehrmals auf dem Platz vor dem festungsartigen Hauptgebäude der Bank. Wie jemand die Chuzpe aufbringen kann, da hinein zu spazieren und einen Überfall zu versuchen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es ein Gebäude gibt, das die Vorlage für Dagoberts Geldspeicher abgegeben haben könnte, dann das hier. Weiterlesen

Antike Authentizität

Das Interview, das Geoff Manaugh vom BLDGBLG mit der englischen Althistorikerin Mary Beard geführt hat, ist ein Highlight. Nicht nur, weil man darin erfahren kann, dass Beard eine sehr interessante Reihe von Büchern über herausragende Bauwerke herausgibt Wonders of The World – und nebenbei noch ein eigenes – und sehr lesenswertes – Blog namens A Don’s Life betreibt, in dem es zur Zeit vor allem um Pompeji zu gehen scheint.

Man könnte absatzweise aus diesem munteren Gespräch über klassische Architektur, römisches Zeremoniell und intelligente Ignoranz zitieren. Am interessantesten finde ich aber die kleine Diskussion über die Bedeutung von Authentizität, die sich am Anfang des zweiten Teils findet. Da geht es um verschiedene kulturelle Sichtweisen von Kopie und Reproduktion. Und Beard beantwortet den Hinweis auf die chinesische Kultur, in der die Kopie nicht für einen Mangel an Originalität steht, sondern für eine Verbeugung vor dem Original, mit dem Verweis darauf, dass es auch in der europäischen Tradition ähnliche Auffassungen gegeben hat.

But, certainly, in the eighteenth century and early nineteenth century, plaster casts were the object that provided people with „real“ connection with the classical world. The plaster cast was, in a sense, the fount of classical art and classical knowledge, and people like Goethe were inspired not so much by what we would think of as the authentic marble object, but by looking at plaster casts.

Interessanterweise steigt der ideologische Wert des „Originals“ ja parallell zur technischen Reproduzierbarkeit: Je besser man etwas nachmachen kann (und im Nachmachen vielleicht sogar „besser“ machen kann), umso größer das Bedürfnis, das Original zu bewahren oder in Kontakt damit zu kommen. Wobei auch die Kopien heute noch ihren Platz und ihre Funktion haben, wie Beard am Beispiel des Merchandising erläutern kann: „‚Authenticity‘ is always a trickier idea than we think it is.“

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