gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Politik (Seite 1 von 9)

Die Terrils von Lüttich

Terril du Gosson

– Sagen Sie, Monsieur Goffin, wohin führen Sie uns? Wohin genau?

– Nur bis an die Grenzen meines Territoriums.

– Und dann?

– Dann folgt ihr einem Stollen, der auch bis an den Fuß der Halde Belle-Vue führen wird, die oberhalb von Coronmeuse liegt, am Ortseingang von Herstal. Und dann müßt ihr nur noch zu Fuß bis nach Haccourt laufen, ins Land der Hexen …

[…]Die zwei Brüder gingen in den Stollen zurück und das Tor schloß sich hinter ihnen. Die Silhouette von Hubert Goffin ließen sie nicht aus den Augen. Der marschierte als Führer vorneweg durch den Stollen und begann dabei mit einer merkwürdigen Ortsführung.

– Wir kommen hier in der Nähe der Stollen von L’Espérance 3 vorbei, dann an Murebure und der Zeche Piron. Dort entlang geht es zur Zeche Gosson I, hier drüben zu der von Horloz, und noch ein Stückchen weiter erreicht man die Zeche Braconnier… Dieser große Tunnel links von Euch führt in den Mönchswald, und der hat wiederum eine Verbindung zur Zeche Bar, zum Vogelfeld und zur Zeche Xhorre…

– Aber das ist ja riesig groß ! bemerkte Adrien.

– Dieses Labyrinth wird von den Geistern all der Bergarbeiter erbaut und unterhalten, die seit dem 12. Jahrhundert in den Bergwerken von Lüttich ums Leben gekommen sind … ihr müßt Euch vorstellen, dass hier Tausende in völliger Stille arbeiten.

Der Tunnel führte links bergab. Unten angekommen, mußte die Gruppe an einer Mauer entlang eine Wasserlache passieren, bevor der Stollen wieder nach oben führte.

– Wenn ihr hier nach rechts geht, kommt ihr nach Naimette und Xhovémont. Dahinter gibt es einen Ausgang am Fuß der Halde Sainte-Barbe et Tonne.

– Aber wozu all diese Tunnels? Alle Leute sagen, dass die Stollen der Bergwerke komplett eingestürzt oder überflutet sind! entgegnete Laurent.

– Die Geister wollen die Gräber ihrer Schwestern und Brüder aus allen Jahrhunderten wiederfinden und pflegen. Diese Gemeinschaft ist mittlerweile sehr wichtig geworden.

(aus Alain Voisot, Les nuton de Condroz)

Ich hatte vor einigen Wochen in Lüttich zu tun, und dabei fiel mir dieses Buch in die Hände: Les nutons de Condroz, deutsch etwa „Die Kobolde des Condroz“, was wiederum der Name eines Landstrichs südwestlich von Lüttich ist. (Wenn Ihnen der Wallonische Pfeil was sagt: Der findet zum großen Teil dort statt.) Das Buch gehört ins unübersehbare Feld regionaler Belletristik, in diesem Fall kein Heimatkrimi oder historischer Roman, sondern eine Märchenerzählung, in der einige Ereignisse und Gestalten aus der Geschichte der Provinz Lüttich eine Rolle spielen. Es ist ganz charmant geschrieben und nett zu lesen, besonders hübsch fand ich aber die Passage, aus der der zitierte Abschnitt stammt: Da wird die verschwundene unterirdische Welt des Bergbaus im Lütticher Revier zu einem hauntologischen Mikrokosmos, der entfernt an das Elysium der Dichter in Arno Schmidts Tina erinnert – eine melancholische Welt, in der das Leben nach dem Tod kein Privileg ist, sondern eine Bürde.

Terril de Sainte-Barbe et Tonne

Hubert Goffin, der Reiseleiter in dieser unterirdischen Welt, gehört ihr selbst an: Der historische Goffin arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts im Bergwerk von Beaujonc und wurde zum Volksheld, als er während eines katastrophalen Wassereinbruchs freiwillig in der Mine zurückblieb, um eingeschlossene Kumpel in Sicherheit zu bringen. Siebzig von über 120 Kumpeln wurden gerettet, darunter auch Goffins zwölfjähriger Sohn, der sicher nicht der einzige Minderjährige in den Stollen war. Der Charme der zitierten Passage resultiert auch aus der Auflistung der Namen, die durchweg so klingen als ob sie immer schon als Bezeichnung mythischer Orte gedacht wären: Espérance 3, Horloz, Xhorre, Xhovemont. Zwei Bergehalden (terrils auf französisch) erwähnt der Text außerdem: Die Halde Belle-Vue am Ufer der Maas, und die Halde Sainte-Barbe et Tonne im Westen von Lüttich. Weiterlesen

„Zum glücklichen, zum wahrhaft menschlichen Leben …“

IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel

Man fährt durch eine idyllische Landschaft, um zum IG Metall Bildungszentrum in Sprockhövel zu kommen. Die „größte gewerkschaftliche Bildungsstätte der Welt“ (laut Wikipedia) liegt weitab von Gewerbe- und Industriegebieten, inmitten sanft gewellter Hügel, umgeben von viel Wald, Feldern und ein paar dörflichen Ansiedlungen. Das Bildungszentrum ist, trotz seiner beachtlichen Ausmaße („29.423 m² auf zwei Etagen“) ein erstaunlich unauffälliges Gebäude: Es ist niedriger als die Baumkronen des Waldes, der es umgibt, und man sieht es erst im buchstäblich letzten Moment der Anfahrt, wenn die kleine Zufahrtsstraße auf den Parkplatz davor einschwenkt. Mit seinem nüchternen und funktionalen Design gleicht es vielen, x-beliebigen Schul-, Verwaltungs- oder Sparkassengebäude in Deutschland. Weiterlesen

Walk This Way

Oculus

The most profound technologies are those that disappear. They weave themselves into the fabric of everyday life until they are indistinguishable from it. (Mark Weiser)

Die Abbildung oben stammt von dieser Seite und ist wohl eine Art Mock-Up für ein interessantes Software-Tool, an dem zur Zeit eine spanische Forschergruppe arbeitet. OCULUS heißt das Projekt, und es geht um die Entwicklung eines „kognitiven Überwachungssystems zur Erkennung unkorrekten Verhaltens im Straßenverkehr“, wie es in dieser Pressemeldung heißt. Weiterlesen

Entrée zum Niemandsland

WCCB Bonn

Ich hatte am Freitag in Bonn zu tun, und der Weg führte auch am Gelände des geplanten WCCB vorbei. Städtebaulichen Roadkill begutachten: Das wird vermutlich in den nächsten Jahren eine Beschäftigung, der man öfter frönen kann als gut sein dürfte.

Es war in der Tat wenig los auf dem „Bau, von dem die Arbeiter flohen“ (wie der Express formulierte), zwar nicht unbedingt „Geisterstimmung“, eher Wochenendatmosphäre: Hier und da sah man ein paar Arbeiter, die möglicherweise tatsächlich damit beschäftigt waren, ihre Werkzeuge aufzuräumen und fortzuschaffen. Um das Gelände herum war die Betriebsamkeit deutlich höher: Die Stadt will die Heussalle in einen „Boulevard“ verwandeln, um dem WCCB und den umliegenden Gebäuden ein würdiges „Entrée“ zu verschaffen, wie die überall herumstehenden Plakate erläutern. Das Entrée droht nun freilich erst mal in ein Niemandsland zu führen.

Heussallee

Das WCCB (World Conference Center Bonn) ist das geplante internationale Konferenzzentrum auf dem Areal des früheren Deutschen Bundestags. Ein Prestige-Projekt, das gerade zu einem grandiosen Fiasko zu werden droht: Explodierende Baukosten, Korruptionsverdacht, politische Inkompetenz – es ist alles drin, was zu so einem kommunalen Desaster gehört.

Ehemaliger Plenarsaal des Bundestags

Die Stadt Bonn hat ja ein nicht gerade alltägliches Problem zu bewältigen: Wie managed man den Wandel von einer Hauptstadt mit weltpolitischer Bedeutung (wenn auch eher verschlafenem Flair) zu einer nicht überaus großen Stadt mit, nun ja, deutlich weniger weltpolitischer Bedeutung (und eher verschlafenem Flair). Das ist nun wirklich keine beneidenswerte Aufgabe. Kein Wunder, dass die Kommunalpolitik erst mal versucht, so viele Reste welt- und bundespolitischen Anspruchs zu retten wie möglich. Und so beharrt man in Bonn eben auf seinem Anteil an Ministerien, Verbänden, Gremien, UN-Delegationen, ob das nun administrativ, logistisch und organisatorisch sinnvoll ist oder nicht. Vor lauter Beharrungsvermögen kommt freilich kaum jemand dazu, sich eine andere Zukunftsperspektive für die Stadt auszudenken als die eines Stützrädchens im welt- und bundespolitischen Getriebe.

World Conference Center Bonn

Für viele Kommunalpolitiker ist der Wettbewerb der Standorte zunächst einmal ein Rüstungswettlauf um repräsentative Statussymbole. Es geht darum, sich in einem irgendwie globalen Maßstab als „Metropole“ für dies oder jenes zu profilieren, mindestens als „second city“. Metropole wird man nicht so ohne weiteres, also wird erst mal gebaut, gerne in Dimensionen, die mehr mit dem Anspruch zu tun haben, als mit der möglichen Realität.

World Conference Center Bonn

Wie es mit dem Bonner Projekt weitergeht, weiß im Moment keiner. Die Bauarbeiten sind zwar – wie es heißt – zu 87 Prozent abgeschlossen, aber im Zuge der aktuellen Ereignisse kommt kaum noch was voran. Bald ist Winter, und hätte die Stadt eine verwaiste Großbaustelle an der Backe, mitten im „very heart of the Federal Quarter“.

Verwaist ist im übrigen auch die Website des Projekts, die Verantwortlichen scheinen ebenso fluchtartig Reißaus genommen zu haben wie die Bauarbeiter: Auf die aktuellen Entwicklungen gibt es dort keinen einzigen Hinweis, die News-Seite schleift lediglich ein paar Nettigkeiten zum Standort durch. Ansonsten freut man sich (in etwas schiefem Deutsch) schon im Präsens: „Das World Conference Center Bonn ist einmalig: Nur hier kann man tagen, wo früher die Bundestagsabgeordneten debattierten.“

Ehemaliger Bundestag Bonn

Die Katze über dem Abgrund

Slavoj Zizek über den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte über die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, üblicherweise vertrauenswürdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es heißt, der Text sei von Mainstream-Publikationen (gerüchteweise der New York Times) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-Übersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren möchte, kann das gerne tun.

Wenn sich ein autoritäres Regime seiner endgültigen Krise nähert, dann folgt seine Auflösung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps findet ein mysteriöser Bruch statt: Plötzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtausübung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie läuft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren Füßen keinen Boden mehr gibt; sie fällt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorität verliert, ist wie eine Katze über dem Abgrund: Damit es stürzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen … Weiterlesen

Twitter im Iran

Die Nachricht, dass die US-Regierung Twitter gebeten hat, Wartungsarbeiten aufzuschieben, damit im Iran weiter Tweets verschickt werden können, war gestern bei nahezu allen Medien ein großer Erfolg. Westliche Medien finden diesen ganzen Web-2.0-Kram immer genau dann toll und interessant, wenn es gegen totalitäre Regime geht.

Ich hab mich allerdings trotzdem gefragt, ob die Twitter-Meldung nicht ausgerechnet dem Hype entspricht, den die Medien sonst so eifrig demontieren wollen. Wie groß ist die Rolle dieser Social-Networking-Dienste tatsächlich momentan im Iran? Kaum jemandem scheint zum Beispiel die Kleinigkeit aufgefallen zu sein, dass Twitter gar kein Farsi unterstützt. Für eine effiziente Kommunikation unter den Demonstranten dürfte das wenig zweckmäßig sein.

Dann ist da natürlich die Frage des Zugangs zu diesen Diensten. Die Überbewertung der Rolle von Social Networks geht implizit davon aus, dass die Protestbewegung vor allem Studenten aus den mittelständischen Schichten in Teheran stünden, während sich Ahmadinejads Wählerschaft aus ungebildeten konservativen Dorfbewohnern rekrutiere. Ali Alizadeh, Philosophieprofessor in England, hat da ein paar interessante andere Beobachtungen mitzuteilen. Kommunikation, Organisation und Agitation laufen bei weitem nicht nur über virtuelle Kanäle, sondern nutzen auch einfache und traditionelle Methoden, etwa das Ausweichen von der Straße auf die Hausdächer, um von dort Parolen wie „Tod dem Diktator!“ zu rufen (eine Methode, die ironischerweise in der islamischen Revolution gegen den Schah eingesetzt wurde). Oder am Ende einer Demonstration laut den Ort und Treffpunkt der nächsten zu skandieren.

Glaubt man Alizadeh, ist die oppositionelle Bewegung auch weit umfangreicher und nicht nur auf’s Bildungsbürgertum beschränkt:

Musavi’s people, as the collective appearing in the rallies, is made of religious women covered in chador walking hand in hand with westernized young women who are usually prosecuted for their appearance; veterans of war in wheelchairs next to young boys for whom the Iran-Iraq war is only an anecdote; and working class who have sacrificed their daily salary to participate in the rally next to the middle classes.

Möglich, dass Mussawis Agenda doch radikaler ist, oder zumindest radikalere Effekte hervorruft, als man ihm zugetraut hat: Er habe, sagt Alizadeh, die Masse der Bevölkerung als politisches Subjekt zurückgebracht, während Ahmadinejad und auch die anderen Reformkandidaten stärker auf Partikularinteressen setzten.

Small Change

Nicht jeder ist der Meinung, auf der anderen Seite der Welt laufe heute eine Art Revolution ab:

Today we have the small matter of the US Presidential election. We are not sure if an election result has ever mattered so little to the markets. Whoever gets elected will have to deal with things larger than normal party politics so it’s no surprise to us that there hasn’t been the usual research dedicated to what will happen to the market under either the next Republican or Democratic administration.

Jim Reid, Analyst der Deutschen Bank, laut Financial Times. Deutlicher kann man wohl kaum formulieren, wie weit sich „der Markt“ schon über der politischen Sphäre sieht. Ein Journalist würde vermutlich schreiben: Ein Schulterzucken, das Bände spricht.

„Das Reale des Nullsummenspiels“

Alain Badiou über die Ursachen der Finanzkrise:

Dies scheint nur ein Nullsummenspiel zu sein: Der Spekulant verliert seinen Einsatz und die Käufer ihre Häuser, aus denen man sie höflich verweist. Aber das Reale dieses Nullsummenspiels befindet sich immer auf der Seite des Kollektivs, des normalen Lebens: Schlußendlich rührt alles von der Tatsache her, dass es Millionen von Menschen gibt, die zu wenig (oder gar nichts) verdienen und so außer Stande sind, sich ein Zuhause zu schaffen. Die reale Essenz der Finanzkrise ist eine Wohnungskrise. Und zu denen, die keine Wohnung finden, gehören sicher nicht die Banker.

Aus einem Text, den immerhin Le Monde abgedruckt hat – freilich mit einigen interessanten Auslassungen (zu denen unter anderem auch das Zitat oben gehörte). Den vollständigen Text – mit Hervorhebung der Auslassungen von Le Monde – gibt es hier.

(Via Infinite Thought.)

Zeitschriften des spanischen Bürgerkrieges

Nova IberiaMagazines & War ist das Online-Relikt einer Ausstellung, die von Januar bis April 2007 in Madrid stattfand und sich, so der Untertitel, der „Print-Kultur“ in den Jahren 1936-1939 widmete. Ein sehenswertes Relikt ist es allemal: Die Website bietet, in einem sehr ansprechenden Layout, einen Überblick über Zeitschriften, Illustrierte, Magazine, die in dieser Zeit erschienen sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Magazine, die auf Design und Fotografie besonderen Wert legten.

Aire

Dass die Geburt der Illustrierten eine wichtige Rolle für die Entwicklung der modernen Kunst gespielt hat, war eine der Thesen, die die Ausstellung transportieren sollte: Die moderne Form der Zeitschriftengestaltung, mit ihrem größeren Augenmerk auf Layout und Design, bot ein zusätzliches Medium zur Kommunikation neuer ästhetischer und grafischer Ideen. Zugleich haben die formalen Trends moderner Kunst – Abstraktion, Reduktion, Überzeichnung – auch ihrerseits Konsequenzen für die öffentliche Auseinandersetzung mit den Inhalten gehabt, die dadurch transportiert wurden. (Und umgekehrt die Auseinandersetzung der Kunst mit den öffentlichen Themen beeinflusst.)

Impetú

Das lässt sich auf der Website in einigen Fällen sehr detailliert nachvollziehen. Einige Zeitschriften können komplett durchblättert werden, und auch wenn es zwischen den einzelnen Beispielen große Unterschiede gibt, sieht man doch, wie gezielt an vielen Stellen Grafik, Typographie und Fotografie eingesetzt werden, um die Resonanz von Botschaften und Inhalten zu beeinflussen und die Freiheit des Lesers, einfach weiterzublättern, herauszufordern. Das gilt nicht nur für die propagandistischen Inhalte im engeren Sinn: Der Krieg ist ständig präsent, aber er lässt hier und da immer noch Atempausen für Modestrecken, kulturhistorische Belehrungen oder feuilletonistische Betrachtungen. Aber gerade in diesen Versuchen, innerhalb der Apokalypse das Alltägliche zu behaupten, zeigt, wie sehr dieser Krieg auch eine Auseinandersetzung über die Moderne an sich war, und mit den unterschiedlichen Modellen, die die Dynamik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen miteinander aussöhnen sollten.

Economia

Das ist an mehr als einer Stelle Thema, etwa in der Wirtschaftszeitschrift Economia – eine Art katalanischer Urahn von brand eins, scheint mir – , wo mit den Mitteln des Layouts eine Katalonien als explizit moderne Nation aufgebaut werden soll. Aber auch die franquistischen Magazine kommen gar nicht darum herum, sich auf der grafischen Ebene in eine Auseinandersetzung zu begeben, die sonst mit Waffengewalt niedergekämpft wurde; so findet zum Beispiel – ebenfalls katalanischen – Zeitschrift Vértice neben üblichen reaktionär-katholischen Blut-und-Boden-Ästhetik auch Raum für spielerische grafische Experimente.

Vértice

Und zwischen all dem steht die omnipräsente und auch in der intensivsten Phase des Kriegs nicht pausierenden Werbung wie ein zynischer Kommentar, beispielsweise wenn „gegen Schmerzen“ einfach eine Tube Aspirin empfohlen wird.

Aspirin

Offensichtlich scheint es bei der University of Illinois noch weitere Bestände zu geben. Der entsprechende Link funktioniert bei mir allerdings nicht („No permission to access this collection“) – was allerdings auch für andere Rubriken der digitalen Bibliothek dieser Uni gilt. Nur mein Problem oder ein allgemeines?

(Via.)

Rubljovka

Rubljovka

Rubljovka ist der Spitzname eine Ausfallstraße aus Moskau: Eigentlich heißt sie Rubljowo-Uspenskoje-Chaussee, bei der russischen Straßenverwaltung trägt sie die Nummer A-105. Rubljovka ist außerdem der Titel eines Dokumentarfilms von Irene Langemann, der gestern in Köln offizielle Premiere hatte (aber zuvor schon auf einigen Festivals lief, heute folgt eine Art zweite Premiere in Berlin).

Eine Straße als Sujet eines Dokumentarfilms: Die Rubljovka ist vermutlich der Ort, wo die Widersprüche des modernen Russland am deutlichsten sichtbar werden – einerseits die Dynamik einer Gesellschaft, die den kapitalistischen Turbolader gezündet und einige wenige in die Elite der Superreichen katapultiert hat, andererseits die Kontinuität und Beharrlichkeit autoritärer Strukturen, die auch in der neuen Marktwirtschaft ganz gut funktionieren. Weiterlesen

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