gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Welt (Seite 1 von 33)

draußen gibt’s nur kännchen

H O A

H O A

Vor einiger Zeit hatte ich hier mal über Gedenkstätten im Königsforst geschrieben. Eine davon war mysteriös geblieben: Ein schlichter Kubus an einem Forstweg zwischen der alten Trasse der Sülztalbahn und der Bensberger Straße, beschriftet nur mit den Buchstaben H O A und zwei Daten. Dass es sich bei den Buchstaben um Initialen und bei den Zahlen um Geburts- und Sterbedaten handeln müsste, schien offensichtlich, aber sonst ließ sich nicht viel herausbekommen.

Inzwischen hat sich das Geheimnis wenigstens teilweise aufgeklärt. Ein freundlicher E-Mail-Korrespondent ließ mir einen Auszug aus dem Sterberegister der Stadt Bensberg von 1964 zukommen. Darin findet sich folgender Eintrag:

Doktor der Rechte, Doktor der Staatswissenschaften – Hubertus Orla Alfred Karl Harald Arntzen, Volkswirt, wohnhaft in Rondorf, Hahnwald, Bonner Landstraße, Haus Tre Brönde, ist am 13. Juni 1964 um 6 Uhr 45 Minuten in Bensberg, Forstbezirk 86 im Königsforst, etwa 500 Meter nordostwärts des Bahnhofs Forsbach tot aufgefunden worden. Die Stunde des Todes ist nicht bekannt. Der Verstorbene war geboren am 13. Januar 1937 in Aachen. Der Verstorbene war verheiratet mit Helen Genia Arntzen geborene Gerling. Er wurde am 13. Juni 1964 gegen 0:30 Uhr zuletzt lebend gesehen. Eingetragen auf schriftliche Anzeige der Kriminalpolizei in Bergisch Gladbach vom 15. Juni 1964.

Geburts- und Sterbedatum stimmen tatsächlich mit den Angaben auf dem Stein überein, und auch die Initialen passen: Hubertus O. Arntzen ist als Autor einiger wirtschaftswissenschaftlicher Arbeiten belegt. Un er hatte eine prominente Ehefrau: Helen Gerling war eine Tochter von Hans Gerling, Chef des Kölner Versicherungskonzerns, den Günter Wallraff (oder an seiner Stelle vielleicht doch Hermann L. Gremliza) in Ihr da oben – wir da unten porträtierte. Gerling war einer der bedeutendsten – und umstrittensten – Unternehmensbosse in Köln: Die monumentale Konzernzentrale am Klapperhof, für deren Bau zahlreiche Architekten und Künstler verpflichtet wurden, die auch unter den Nazis Rang und Namen hatten, legt von seinem Geltungsbedürfnis beredtes Zeugnis ab. Eine Zeitungsmeldung von 1963 legt nahe, dass Arntzen ein führender Mitarbeiter des Konzerns war. Auf der Website der Arno-Breker-Gesellschaft findet sich im Werkverzeichnis ein Hinweis auf eine Zeichnung „Helen Gerling (und Dr. Hubertus Arntzen)“, die allerdings nicht abgebildet ist. Das Haus „Tre Brönde“ in Hahnwald ist mir allerdings unbekannt. (Könnte der Name eine Anspielung auf die drei Quellen sein, die im nordischen Mythos von den Wurzeln des Baumes Yggdrasil berührt werden?)

Mysteriös bleiben freilich die Umstände von Arntzens Tod. Das Stadtarchiv Bergisch Gladbach, das auch den zitierten Auszug aus dem Sterberegister lieferte, berichtet,

dass in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1964 im Raum Köln ein schweres Unwetter tobte, bei dem u.a. ein Soldat auf einem Truppenübungsplatz vom Blitz erschlagen wurde und sieben weitere Soldaten Verletzungen erlitten (Bergische Landeszeitung vom 15. Juni 1964). Ob auch Arntzen diesem Unwetter zum Opfer fiel, ist unbekannt.

Unbekannt ist auch der Künstler, der den Gedenkstein entwarf. Aber vielleicht meldet sich dazu ja noch mal jemand per E-Mail.

Auf dem verbotenen Berg

Halde Oberscholven

Die Halde Oberscholven ist einer der markantesten Punkte der Ruhrgebiets, und zugleich einer der unzugänglichsten. Mit knapp 202 Metern Höhe ist sie die höchste künstliche Erhebung im Revier, und dank ihrer freistehenden Lage, bekrönt von zwei großen Windrädern und einem Fernmeldemast, eine weithin sichtbare Landmarke. Sie markiert mehr oder weniger genau die Grenze zwischen der industriellen, dicht besiedelten Kernzone des Reviers und dem weit weniger verstädterten, immer noch landwirtschaftlich geprägten Umland. Diese Lage macht den Gipfel der Halde auch zu einem ganz besonderen Aussichtspunkt, wo man den Kontrast zwischen urbanem Ballungsraum und ländlicher Umgebung ganz anschaulich vorgeführt bekommt. Weiterlesen

Chemotherapie vom Castel del Monte

Beim immer lesenswerten XKCD erschien gestern dieser Beitrag:

XKCD
Quelle: XKCD CC BY-NC 2.5

Das ist sicher ein cooler Fakt, aber im ersten Moment dachte ich beim „italienischen Schloss“ an den barocken Landsitz irgend eines dekadenten Duca, und sah vor meinem geistigen Auge, wie weißbekittelte Forscherteams im halb verfallenen und von Spinnweben umrankten Gebäude Schmutzreste zweifelhafter Herkunft von buntornamentierten Tapeten kratzen. Tatsächlich handelt es sich beim Schloß aber um eine der berühmtesten Burgen überhaupt, nämlich das Castel del Monte, die mysteriöse Burg Friedrichs II. in Apulien, über deren genaue Funktion auch heute noch gerne spekuliert wird.

Castel del Monte Weiterlesen

Fossa Eugeniana

Fossa Eugeniana

Wenn man auf der Bundesstraße 510 von Rheinberg nach Kamp-Lintfort fährt, wird man vielleicht auf der linken Straßenseite einen Wasserlauf bemerken. Er unterquert die Straße kurz hinter der A57, etwa auf Höhe des britischen Soldatenfriedhofs, und begleitet sie vorbei an der Zeche Rossenray, am Stadtrand von Kamp-Lintfort entlang bis unterhalb der Terassengärten des Klosters Kamp. Hier verliert sich die Spur des Kanals zunächst, aber wer die Bundesstraße verlässt und durch die kleine Siedlung am Dachsberg vorbei über die landwirtschaftliche Wege Richtung Westen fährt, kann immer wieder deutliche Vertiefungen im Boden entdecken, die sich wie Gräben durch die Landschaft ziehen, teils mit Wasser gefüllt, teils mit Bäumen und Gebüsch überwuchert.

Der Wasserlauf und die Vertiefungen sind Reste eine ehrgeizigen Projekts aus dem 17. Jahrhundert: Der Fossa Eugeniana, einer geplanten, aber nie vollendeten Kanalverbindung zwischen Rhein und Maas. Ein Projekt, das nicht nur wirtschaftliche und verkehrstechnische, sondern auch strategische Gründe hatte: Es fiel in die Zeit des Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden, in dessen Verlauf sich die protestantischen nördlichen Provinzen von der spanischen Krone lossagten und ihre Unabhängigkeit erkämpften. Weiterlesen

Corviale

Corviale

Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes Stück Fußweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins über die Existenz und den Verlauf von Straßen. Nach einem falschen Linksabzweig stehen wir prompt in einer Sackgasse, mitten in einer riesigen ungemähten Wiese, die nach wilden Kräutern duftet, aber von Bauzäunen umringt und auf Verbotsschildern als Privatgelände ausgewiesen wird. Immerhin: Über die Blumen und Gräser hinweg sehen wir immerhin zum ersten Mal an diesem Tag auf einem gegenüberliegenden Hügel den Corviale: Jenen 1 km langen und elf Stockwerke hohen Behemoth aus Beton, der manchen als Inbegriff aller Verfehlungen moderner Architektur gilt, anderen als zwar gescheitertes, aber doch studierenswertes Experiment utopischer Stadtplanung. Weiterlesen

Second Cities

Neu-Otzenrath/Spenrath

Alexander Trevi, Autor des Landschaftsarchitektur-Blogs Pruned, hat einen interessanten älteren Artikel wiedergepostet: Vor einigen Jahren haben Bauingenieure der Purdue University einen interessanten Vorschlag gemacht, wie Istanbul die Risiken eines katastrophen Erdbebens vermindern könnte. Nämlich einfach durch den Bau einer neuen Stadt. Eine „zweite Satellitenstadt wüärde den Einwohnern der alten Stadt sofort Unterkunft bieten können“ und „damit die Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die nationale Wirtschaft dämpfen“, schreiben die Ingenieure.

Mit welcher Ernsthaftigkeit die Idee vorgestellt wurde, lässt sich aus der Pressemitteilung nicht erschliessen. Möglicherweise ging es nur darum, die selbstentwickelte Applikation zu präsentieren, mit der eine 3D-Simulation des neuen Istanbul erstellt wurde – seither haben jedenfalls weder die Universität noch türkische Stellen weiteres über das Konzept verlauten lassen. Dafür hat vor kurzem die japanische Regierung Ãœberlegungen zu einer Backup-Version von Tokio vorgestellt. Der Gedanke, dass der Bau einer neuen Stadt weniger aufwändig sein könnte als die Modifikation einer bestehenden, ist freilich auch nicht neu: Man denke nur an Le Corbusiers unsentimentalen Vorschlag eines Totalabrisses und Komplettneubaus von Paris. Weiterlesen

Das Deutsche Reich in Bochum

Deutsches Reich, Bochum

Es gibt viele merkwürdige Straßennamen, aber dieser hier ist sicher besonders seltsam: Deutsches Reich. Die Straße mit dem großspurigen Namen liegt im Bochumer Stadtteil Werne. Viel her macht sie nicht: Es ist eine unscheinbare Wohnstraße, deren Beschaulichkeit allerdings durch das Rauschen des nahen Ruhrschnellwegs arg gestört wird.

Deutsches Reich, Bochum

Genau genommen handelt es sich weniger um einen Straßen- als um einen Siedlungsnamen. Die „Kolonie Deutsches Reich“ entstand um 1871/72 als Wohnsiedlung für Bergarbeiter und Angestellte der Harpener Bergbau AG, einer der maßgeblichen Bergbaugesellschaften des Ruhrgebiets. Warum man der beschaulichen Siedlung ausgerechnet so einen hochtrabenden Namen gab, ist nicht überliefert, aber die Reichsgründung lag bei Baubeginn noch nicht lange zurück, nationale Namensgebungen waren mithin en vogue, auch wenn man in den meisten Fällen eher auf einzelne Regionen, historische Ereignisse oder auf prominente Gestalten zurückgriff als auf das Reich insgesamt. Möglicherweise war der Name auch als patriotischer Fingerzeig für die hier angesiedelten Arbeiter gedacht, von denen sicher einige aus den Ostgebieten des Reichs stammten und eher polnisch als deutsch sprachen. Weiterlesen

Tweets from London

(in no particular order)

When the Real breaks through, everything seems like a film
@kpunk99 Weiterlesen

Zu Fuß zur Böhm Chapel

Böhm Chapel

Von einer Kultstätte auf grüner Wiese zur Kulturstätte im Neubaugebiet: Die Ursulakirche in Hürth-Kalscheuren ist eine von vielen Kirchen im Rheinland, die in den vergangenen Jahren geschlossen wurden. Gebaut wurde sie von 1954-56 nach Plänen von Gottfried Böhm (und Vorentwürfen seines Vaters Dominikus), und der weiße Bau mit dem schlanken Glockenturm und den sechs Konchen gehört sicher zu den elegantesten Kirchenbauten der Böhm-Dynastie. Er steht in einem Umfeld, in dem ansonsten wenig Elegantes zu sehen ist: Kalscheuren ist eigentlich wenig mehr als ein ausgedehntes Gewerbegebiet mit etwas dazwischengewürfelter Wohnbebauung. Früher saß hier vor allem verarbeitendes Gewerbe: Übrig sind davon noch das 1895 gegründete Rußwerk, das sich allerdings schon auf Kölner Gemeindegebiet befindet und heute zum Evonik-Konzern gehört, und die Malzfabrik von 1902, einer der wichtigsten Zuliefererbetriebe für die regionale Brauindustrie. Ansonsten dominieren heute vor allem Speditions- und Logistikfirmen, die vom nahegelegenen Güterbahnhof Eifeltor profitieren, und Unternehmen der Medienbranche, wie die MMC Studios direkt neben der Kirche. Das Logo der Studios ist ein springendes Einhorn: Es thront auf einem hohen Mast, der – als Wahrzeichen einer moderneren und effizienteren Illusionsmaschinerie – den Glockenturm von St. Ursula deutlich überragt. Weiterlesen

Falowiec

Falowiec

Außer der Ulica Ojcowska gibt es in Danzig noch einige andere, wesentlich prominentere Gebäude, die ebenfalls wellenförmigen Grundriss aufweisen: Die sogenannten Falowiec, acht große Wohnblocks aus den späten Sechzigern/frühen Siebzigern, von denen sich sieben im Stadtteil Przymorze befinden und einer in Nowy Port. Der größte dieser Blocks steht an der Ulica Obrońców Wybrzeża, der „Straße der Verteidiger der Küste“: Er ist um die 850 Meter lang und damit das längste Wohngebäude in Polen und das drittlängste in Europa, nach dem Wiener Karl-Marx-Hof (1,1 km) und dem Corviale in Rom (980 Meter). Weiterlesen

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