Botschaften

Türkei
Türkei.

Ich habe noch einen alten Stadtplan von Bonn, und den nehme ich immer mit, wenn ich dort zu tun habe. Darin sind nämlich all die Botschaften und Konsulate eingezeichnet, die es in Bonn gab, als die Stadt noch „Bundeshauptstadt“ war. Jetzt ist Bonn nur noch „Bundesstadt“, ein seltsamer verwaltungstechnischer Kompromisstitel. Eine bürokratische Art, das Haupt zu tätscheln, das man dann doch abschlägt. Mehr …

Beckers Bilder

In der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur gibt es zur Zeit eine Werkschau des Kölner Photographen Boris Becker. Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung, nicht nur weil sie einen wirklich repräsentativen Querschnitt durch Beckers Arbeiten verschafft. Mehr …

Ans Wasser gebaut

H2 Office
Noch eine architektonische Spezialität aus Duisburg: Dies ist das H2 Office, ein von BRT entworfener Bürokomplex am Innenhafen. Ein Gebäude mit “‘Flagship’ Charakter”, heißt es, in einem Areal, das selbst Flaggschiff und Aushängeschild für zukunftsweisende Stadterneuerung sein soll.

H2-Office

Den Schiff-Charakter hat man bei diesem Gebäude jedenfalls sehr wörtlich genommen. Die Form des Gebäudes soll an die “Eleganz eines Katamarans” erinnern. An einem trüben Januartag wie heute muss man allerdings eher eine gewisse Ähnlichkeit mit der Klobigkeit britischer Weltkrieg-I-Panzer, die sich mit grimmiger Entschlossenheit durch den Schneematsch der Normandie wühlen, konstatieren.

(Was so aussieht wie die Ketten der Tanks, ist allerdings nicht die Schauseite des Gebäudes. Aber auch die Front zur Wasserfläche hin ist merkwürdig nach innen gebogen, als sollte der Panzer/Katamaran den Hafen so schnell wie möglich verlassen.)

H2-Office

Überhaupt macht der gesamte Innenhafen an so einem Tag eher den Eindruck eines verlassenen architektonischen Themenparks. Ein beliebiges, nicht wirklich kontextualisiertes Nebeneinanderstellen von Schauobjekten. Schlechtes Wetter ist überall eklig, aber hier wirkt es besonders deprimierend, gerade weil die glamouröse Strahlkraft der Stararchitekturen so unabdingbar einkalkuliert ist. Im gedämpften Licht wirken die pompösen Statements so alltäglich wie ungeschminkte Schauspieler.

Innenhafen Duisburg

St. Joseph, Hamborn

St. Joseph, Hamborn

Der Schnee ist zurück. Und mitten im winterlichen Grau von Duisburg-Hamborn diese etwas seltsame, aber auch sehr großartige Kirche. Eine wahre Ski-Schanze Gottes. Über die ich allerdings nicht mehr herausfinden kann, als dass sie St. Joseph heißt und zu dieser Kirchengemeinde gehört. Falls jemand mehr weiß und vor allem den Namen des Architekten kennt, wäre ich für einen kurzen Hinweis dankbar.

Nachtrag
Per E-Mail kommt folgende Information:

Der Entwurf der Kirche wurde von Prof. Robert Kramreiter aus Wien erstellt. Als dieser 1965 plötzlich starb, übernahm Architekt Otto Rauh aus Düsseldorf die Ausführung des Baus. Der Grundstein wurde 1966 gelegt, fertig wurde die Kirche 1968, und die Weihe erfolgte 1970. Die Fenster stammen von Prof. Margret Bilger.

Zu Kramreiter gibt es einen Artikel in der Wikipedia, mit einigen Fotos weiterer interessanter Kirchenbauten. Kramreiter war vor allem in Österreich aktiv, und der freundliche Korrespondent schickt mir den Hinweis auf diese Kirche in Salzburg, die tatsächlich einige interessante Ähnlichkeiten mit der Hamborner Jospheskirche aufweist. Bilgers Fenster konnte ich nicht sehen, weil die Kirche verschlossen war, aber auch sie ist in der Wikipedia vertreten, außerdem gibt es eine Website zu ihrem Werk.

In Eisenach

Martin Luther

Es gibt Städte, auf denen die Geschichte lastet wie erkaltete Lava. Man sieht die versteinerten Überbleibsel und erkennt noch die Spuren von Dynamik und Bewegung, und irgendwo darunter, denkt man, liegen wahrscheinlich noch Trümmer begraben, die einem mehr über das erzählen könnten, was hier mal gewesen ist. Aber die Arbeit der Freilegung ist zu mühsam, und so begnügt man sich einfach damit, ein Schild aufzustellen, das den Vorbeikommenden versichert: Hier ruht Bedeutung. Mehr …

“Die bücherarme Stadt”

Jean Paul

Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschienenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abhängigkeit, der findet ihn nie!

Im September 1802 wird Jean Paul zum ersten Mal Vater: In diesem Haus in Meiningen wird das “göttliche Töchterlein” Emma geboren, und er nimmt das Ereignis als Epiphanie: “Wie ein Donnerschlag durchfährt die erste Erblikkung Mark und Bein”, schreibt er dem Bayreuther Freund Christian Otto. Mehr …

Meiningen

Meiningen

Und so krieche ich langsam aus dem Kokon, den die diversen Feier- und Brückentage gesponnen haben, in das frostige Licht dieser neuen Dekade. Es war angenehm, das Ende der Nullerjahre mit ein paar Tagen wirklicher Ruhe markieren zu können und von der Matrix nichts weiter wahrzunehmen als ein diffuses Grundrauschen, etwa so wie das Knistern und Knacken auf alten Schallplatten.

Meiningen

Der Arbeitsalltag ließ sich auch einigermaßen beschaulich an, mit einer kurzen Reise nach Meiningen. Ich komme selten genug in den Osten, noch weniger nach Thüringen, und in Meiningen war ich schon gar nicht gewesen. Und da ich neben den paar Terminen auch genügend Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt haben würde, bin ich auch gern losgefahren. Mehr …

Bartnings Stahlkirche

Melanchthonkirche

Vor der Melanchthonkirche in Essen, einem unscheinbaren Betonbau aus den Siebziger Jahren, stehen diese zwei Glocken. Auf den ersten Blick könnte man sie einfach für dekorative Elemente halten, ähnlich wie die gusseisernen Übertöpfe, die manche Leute gerne in ihre Vorgärten platzieren. Aber eine Gedenktafel erklärt, warum die Glocken hier stehen. An dieser Stelle befand sich in den Dreißiger Jahren ein Vorgängerbau, eines der bemerkenswertesten und seltsamsten Beispiele moderner Kirchenarchitektur: Die Stahlkirche von Otto Bartning. Mehr …

Technologiekritikkritik

Ich dachte schon, ich bin der Einzige, der Kathrin Passigs Anti-Anti-Fortschrittsglosse für ein eher fades Süppchen hält, aber hier stehen ein paar richtige Gedanken dazu. Passigs Kritik an der Technologiekritik und ihren “Standardsituationen” folgt doch selbst einem reichlich abgenutzten Standardmodell: Neues doof zu finden, ist selber doof, weil zum Beispiel Autos und Telefon und Rad hat ja erst auch keiner verstanden, und wie doof war das denn? Passigs einzige originelle Zutat ist so eine Art ironisches Stufenmodell des Doof-Findens, leider nur vorgeführt an einem ziemlich wackligen Türmchen aus allerlei Äpfeln und Birnen.

Die Durchsetzung eines Produkts als Widerlegung der Kritik daran zu behaupten und letztere mit einem “Alles schon mal dagewesen” abzutun, ist mindestens so banal und reaktionär wie die Haltung, die damit kritisiert werden soll. Selbst das Zitat, das gerne als dümmstes Beispiel für übertriebene Innovationsskepsis angeführt wird – nämlich der angeblich 1943 von IBM-Chef Thomas Watson geäußerte Satz, dass es weltweit nur einen Markt für fünf Computer gäbe – ist nicht ganz so dumm wie es gemacht wird. Immerhin steckt darin noch ein wenig Gespür dafür, dass Markt und Bedarf mal zwei zusammengedachte Begriffe waren, während es heute eben als Erfolg gilt, die hochgepitchten Märkte mit mit ständigen Produktlaunches und Updates vollzupumpen, deren Sinn, Zweck und Innovationsgrad tatsächlich oft nicht feststellbar ist.

Und wenn Passig vom Fußball schon eine Metapher klaut, hätte sie zumindest auch daran können, dass das Einüben von Standardsituationen nichts ist, worüber man die Nase rümpfen müsste. Dass sich manche Inhalte der Kritik öfter wiederholen, könnte auch einfach damit zusammenhängen, dass sie sich nicht wirklich erübrigt haben. Etwa weil die Neuheiten, denen sie gelten, hinter der schicken Fassade unweigerlich einiges mitschleppen, was man weiterhin kritisieren kann.

Anders gesagt:

Wir können von Schmockwitz nach Schweifwedel telephonisch sprechen, wir wissen aber noch nicht, wie der Fortschritt aussieht. Wir wissen bloß, daß er auf die Qualität der Ferngespräche keinen Einfluß genommen hat, und wenn wir einmal so weit halten werden, daß man zwischen Wien und Berlin Gedanken übertragen wird, so wird es nur an den Gedanken liegen, wenn wir diese Einrichtung nicht in ihrer Vollkommenheit werden bewundern können. Die Menschheit wirtschaftet drauflos; sie braucht ihr geistiges Kapital für ihre Erfindungen auf und behält nichts für deren Betrieb. Der Fortschritt aber ist schon deshalb eine der sinnreichsten Erfindungen, die ihr je gelungen sind, weil zu seinem Betrieb nur der Glaube notwendig ist, und so haben jene Vertreter des Fortschritts gewonnenes Spiel, die einen unbeschränkten Kredit in Anspruch nehmen.

- Karl Kraus, Der Fortschritt

Ein oder mehrere Wölfe

Deleuze/Guattari

Marc Ngui hat einige wunderbare Illustrationen zu den ersten zwei Kapiteln von Deleuze/Guattaris Tausend Plateausproduziert. Er selbst nennt seine Zeichnungen auch “methodische Interpretationen” und “Hilfsmittel, um die im Buch vorgestellten Ideen zu verstehen”. Wie hilfreich diese Grafiken für die eigene Lektüre sind, muss jeder selbst überprüfen, aber möglicherweise ist Ngui damit Begründer einer kleinen Cottage Industry für Visualisierungen komplexer philosophischer Systeme: Wer möchte, kann sich die Illustrationen nämlich nachzeichnen lassen. Vielleicht kommt ja jemand auf die Idee, etwas Ähnliches mal für Derrida oder Badiou zu versuchen.



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