Kö-Blick

Düsseldorf, Haus Kö-Blick

Ein nächtlicher Abriss ist immer spektakulär: Kein Verkehrslärm hindert die Geräuschkulisse dabei, sich zu entfalten, lautstark krachen Gebäudetrümmer nach unten und donnern von den umliegenden Hausfassaden als Echo zurück. Ein riesiger Kran röhrt, heult und pult in der Ruine wie ein leicht genervtes Monster; die Straßenbeleuchtung malt kleine Pünktchen in die Staub- und Gischtfontänen.

Ausgeweidet und abgerissen wird hier das Haus “Kö-Blick” am Düsseldorfer Graf-Adolf-Platz. Es ist, sagt man uns, ein Abriss, der lange überfällig war, was vielleicht erklärt, warum man hier mitten in der Nacht noch zugange ist: Es muss wohl schnell gehen. Mehr …

Die Katze über dem Abgrund

Slavoj Zizek über den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte über die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, üblicherweise vertrauenswürdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es heißt, der Text sei von Mainstream-Publikationen (gerüchteweise der New York Times) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-Übersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren möchte, kann das gerne tun.

Wenn sich ein autoritäres Regime seiner endgültigen Krise nähert, dann folgt seine Auflösung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps findet ein mysteriöser Bruch statt: Plötzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtausübung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie läuft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren Füßen keinen Boden mehr gibt; sie fällt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorität verliert, ist wie eine Katze über dem Abgrund: Damit es stürzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen … Mehr …

Der Fernmeldeturm auf dem Feldberg

Fernmeldeturm Großer Feldberg

Der Fernmeldeturm auf dem Großen Feldberg im Taunus ist eines der merkwürdigsten und markanstesten technischen Bauwerke in Deutschland. Er ist weder fragiles Drahtgeflecht à la Eiffelturm, noch der elegante Balanceakt aus Beton, wie ihn die Typentürme der Deutschen Bundespost verkörpern.

In den meisten Beschreibungen des Turms heisst es, dass er eher einem Hochhaus als einem Fernmeldeturm ähnele. Das scheint mir mehr für die erste Version des Turms zu gelten, die 1937 errichtet wurde und die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Die Version, die man 1950 (unter teilweiser Verwendung des alten Stahlbetonsockels) errichtete, ist schon ganz eindeutig als Turm gedacht. Aber es ist ein Turm, der aus dem, was er beherbergt, eher ein Geheimnis macht: Technischer Fortschritt ist hier nichts, was öffentlich zugänglich oder sichtbar wäre, sondern ein Mysterium, das in einem düsteren Orthanc aufbewahrt und von unsichtbaren Hohepriestern verwaltet wird. Mehr …

Twitter im Iran

Die Nachricht, dass die US-Regierung Twitter gebeten hat, Wartungsarbeiten aufzuschieben, damit im Iran weiter Tweets verschickt werden können, war gestern bei nahezu allen Medien ein großer Erfolg. Westliche Medien finden diesen ganzen Web-2.0-Kram immer genau dann toll und interessant, wenn es gegen totalitäre Regime geht.

Ich hab mich allerdings trotzdem gefragt, ob die Twitter-Meldung nicht ausgerechnet dem Hype entspricht, den die Medien sonst so eifrig demontieren wollen. Wie groß ist die Rolle dieser Social-Networking-Dienste tatsächlich momentan im Iran? Kaum jemandem scheint zum Beispiel die Kleinigkeit aufgefallen zu sein, dass Twitter gar kein Farsi unterstützt. Für eine effiziente Kommunikation unter den Demonstranten dürfte das wenig zweckmäßig sein.

Dann ist da natürlich die Frage des Zugangs zu diesen Diensten. Die Überbewertung der Rolle von Social Networks geht implizit davon aus, dass die Protestbewegung vor allem Studenten aus den mittelständischen Schichten in Teheran stünden, während sich Ahmadinejads Wählerschaft aus ungebildeten konservativen Dorfbewohnern rekrutiere. Ali Alizadeh, Philosophieprofessor in England, hat da ein paar interessante andere Beobachtungen mitzuteilen. Kommunikation, Organisation und Agitation laufen bei weitem nicht nur über virtuelle Kanäle, sondern nutzen auch einfache und traditionelle Methoden, etwa das Ausweichen von der Straße auf die Hausdächer, um von dort Parolen wie “Tod dem Diktator!” zu rufen (eine Methode, die ironischerweise in der islamischen Revolution gegen den Schah eingesetzt wurde). Oder am Ende einer Demonstration laut den Ort und Treffpunkt der nächsten zu skandieren.

Glaubt man Alizadeh, ist die oppositionelle Bewegung auch weit umfangreicher und nicht nur auf’s Bildungsbürgertum beschränkt:

Musavi’s people, as the collective appearing in the rallies, is made of religious women covered in chador walking hand in hand with westernized young women who are usually prosecuted for their appearance; veterans of war in wheelchairs next to young boys for whom the Iran-Iraq war is only an anecdote; and working class who have sacrificed their daily salary to participate in the rally next to the middle classes.

Möglich, dass Mussawis Agenda doch radikaler ist, oder zumindest radikalere Effekte hervorruft, als man ihm zugetraut hat: Er habe, sagt Alizadeh, die Masse der Bevölkerung als politisches Subjekt zurückgebracht, während Ahmadinejad und auch die anderen Reformkandidaten stärker auf Partikularinteressen setzten.

Sublime Frequencies

Doueh

Großes Konzert gestern im Kölner Stadtgarten: Das Sublime Frequencies-Label brachte zwei Interpreten aus der arabischen Welt: Die Group Doueh mit ihrer seltsamen und nicht wirklich klassifizierbaren Mélange aus Wüsten-Psychedelia und traditioneller Tanzmusik, und den frenetischen Dabke-Dancefloor des Syrers Omar Souleyman.

Sublime Frequencies ist das Label von Alan Bishop, Mitglied der legendären Sun City Girls, und Hisham Mayet. Beide sind Archäologen des Untergrunds, der sich unter der Oberfläche der “Weltmusik” verbirgt: Die Platten, die auf ihrem Label erscheinen, sind keine vermeintlich authentischen Urmusiken, keine offiziell sanktionierte Klassik, kein massenkompatibler Mainstream und noch weniger westlich verwässerte Sound-Tapeten mit exotischen Ingredienzen. Auf Sublime Frequencies finden sich die hybriden, rumpeligen, kitschigen oder schrillen Bricolagen, die aus der Kollison der Kulturen entstehen, dort wo der Wille, etwas zu machen, mit begrenzten Mitteln fertig werden muss.

Die Ästhetik des Labels ist eher Punk als Ethnologie. Das Anti-Design der Plattencover zum Beispiel zitiert die krude Gestaltung vieler Cassetten und CDs aus der Dritten Welt, aber erinnert auch an das handfeste Copy-and-Paste der Punk- und Fanzine-Kultur. Die Platten wirken oft wie Mixtapes, zusammengestellt aus Privatarchiven, und mit bereitwillig in Kauf genommenen Defiziten in Aufnahmtechnik und Akustik - “Fidelity be damned!”. Man hat dem Label darum bisweilen Oberflächlichkeit vorgeworfen. Ich sehe darin eher den Versuch, Exotik als etwas Herausforderndes zu behaupten, eine subversive Spur von Unberechenbarkeit und Geheimnis zu legen in einer musikalischen Landschaft, in der alles gefunden, ausprobiert und entdeckt worden zu sein scheint.

Das wird schon deutlich in dem Anti-Dokumentarfilm Palace Of The Winds, der das Konzert eröffnet wird: Ein unkommentiertes und unbehauenes Protokoll einer Reise durch die marokkanische Provinz, durch spröde und seltsame Landschaften, und durch Städte und Dörfer, in denen die Zeit nicht stehengeblieben, sondern in ein zähes Parallelluniversum abgeglitten ist. Dazu immer wieder laute, scheppernde und rauhe Musik aus Hinterhofstudios und von privaten Feiern. Seltsame Musik ist das: Billig, zebrechlich, trotzdem kraftvoll, hypnotisch und intensiv. Eine lange Sequenz mit bizarren Bildern von einem Straßenmarkt, auf dem es getrocknete Chamäleons zu geben scheint, wird von einem sägenden Wüstenblues begleitet, in dem ein Kehlkopfsänger mit einer Hydra aus E-Gitarre und Handtrommel zu ringen scheint.

Die Group Doueh, die ebenfalls im Film vorkommt, ist ein fabelhaftes Beispiel für die Momente, nach denen Bishop und Mayet suchen: Gitarrist Doueh ist ein eigenwilliger Stilist, der Spurenelemente aus Rock-, Blues- und Reggae mit seiner lokalen Musiktradition verschmilzt. Hendrix sei sein großes Vorbild, heißt es im Covertext, und tatsächlich legt er zwischendurch auch mal ein Solo mit der Gitarre über und hinter dem Kopf hin. Eher schüchtern als spektakulär, aber sympathisch. Live klingt die Band allerdings bei weitem nicht so spröde und rauh wie auf den CD-Aufnahmen, die Sublime Frequencies veröffentlicht hat: Das liegt vor allem an einem überaus präsenten Keyboard, das funkige Bläser-Riffs unter den muskulösen Gesang pumpt und die Handtrommeln durch vorprogrammierte Rhythmen ersetzt.

Druckvoll und energiegeladen ist der Auftritt trotzdem. Aber man merkt daran, dass die Anti-Weltmusik des Sublime-Labels auch nicht ganz ohne Mystifizierung auskommt, auch wenn die Akzente anders liegen als beim Mainstream der Weltmusik. Vor dem Konzert erzählt Mayet, er habe Douehs Musik eines Tages zufällig beim Scrollen durch marokkanische Radiosender gehört und sei sofort begeistert gewesen. Aufnehmen konnte er nur ein Fragment, und als er sich damit auf die Suche nach dem sonderbaren Gitarristen machte, blieb das zunächst erfolglos: Im Norden hatte man keine Ahnung und rümpfte eher die Nase über die rohen Klänge aus dem Süden. Und die Reise entlang der marokkanischen Küste brachte auch keine heiße Spur. Erst im Provinzstädtchen Dakhla lotste ihn jemand in ein Aufnahmestudio: Dort könne man ihm sicher weiterhelfen. Dem Betreiber des Studios spielte er die Aufnahme vor, und der grinste breit: “Das bin ich. Das ist meine Musik.”

Eine hübsche, natürlich auch überaus romantische Anekdote, die Expedition zum Savant isolé aus der Wüste – Mr Doueh, I presume?

Omar Souleyman

Omar Souleyman ist ein etwas anderes Kaliber: Der braucht Sublime Frequencies nicht, um ein Star zu werden, der ist schon einer. Zumindest in der Dabke-Szene, einer fröhlichen Dancefloor-Subkultur aus Syrien. Hier sind es nicht Blues, Rock und Psychedelia, sondern House, Techno und HipHop-Beats, die sich mit traditionellen Formen vermischt und einen frenetischen, extrem tanzbaren Bastard hervorgebracht haben. Angeblich hat Souleyman über 500 Cassetten veröffentlicht, und auf YouTube lassen sich einige Videos von Auftritten im syrischen TV finden. Auch hier zeigt sich, dass die trashige Seite dieser Musik, die auf den Sublime-Veröffentlichungen von Souleyman zu finden ist, auch glatter produzierte und fast elegante Varianten gibt. Man vergleiche zum Beispiel das hektische Leih Jani mit diesem Song, der sogar ein bisschen an Urban Soul erinnert. (Das grandiose Video, in dem ein eher unbeholfener Souleyman einen Strandfelsen herunterklettern muss, um einer lokalen Schönheit ein paar Ratschläge für’s Leben zu geben, ist ein Extra-Bonus.)

Bemerkenswert an Souleymans Auftritt war die kuriose Besetzung: Neben dem Sänger selbst waren zwei Musiker auf der Bühne, ein Keyboarder und ein Saz-Spieler. Und dann war da noch ein dritter Mann, der ab und zu mal ein Laptop im Hintergrund kontrollierte, dann und wann Souleyman ins Ohr flüsterte und ansonsten einfach mitklatschte. Vorgestellt wurde er schließlich als

Mahmoud Harbi, a long-time collaborator and the man responsible for much of the poetry sung by Souleyman. [He] accompanies Omar for an unforgettable onstage collaboration as they perform the Ataba, a traditional form of folk poetry, where Omar’s unaccompanied freestyle “mawal” singing stands in a league of its own.

Leider erläutert der Text nicht, wie Ataba und Mawal genau funktionieren. Was bekommt Souleyman ins Ohr geflüstert? Verse? Stichworte? Und wie werden diese Texte variiert und gesungen?

Sei’s drum. Grandioses Konzert. Ich hoffe, den Musikern hat es genau so Spass gemacht wie dem Publikum.

Saint-Vincent in Lüttich

Saint-Vincent

In Lüttich steht direkt an einer der belebtesten Kreuzungen diese bemerkenswerte Kirche. Das mächtige Art-Déco-Portal sieht aus wie ein überdimensionaler Radioapparat: Hier funkt Gott. In der Junisonne leuchten die Außenwände des Baus, als wären sie aus einem fremdartigen, nicht wirklich irdischen Material hergestellt: Das lässt vermuten, das hier gleich eine überaus wichtige Nachricht erschallen soll, die auch den lärmenden Straßenverkehr verstummen lassen wird. Mehr …

Anti-Dubai in Flandern

Vlaamse Baaien

Aufweichung einer Küstenlinie: Das Projekt Vlaamse Baaien 2100 sieht eine umfangreiche Umgestaltung der belgischen Küste vor, vor allem einen Archipel künstlicher Inseln. Glaubt man belgischen Medien, dann ist das Projekt so etwas wie eine Universallösung für eine Reihe drängender Themen: Es soll nicht nur einen nachhaltigen Schutz der Küste vor Sturmfluten und steigendem Meeresspiegel gewährleisten, sondern auch neue Impulse für Fremdenverkehr, Hafenentwicklung sowie Neulandgewinnung für Siedlungsbau und Umweltschutz liefern. Mehr …

Tanja, weine nicht!

Gedichte schreiben muß man so, daß, wenn man das Gedicht gegen das Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht.

- Daniil Charms

Was einem dann allerdings meistens nicht erspart bleibt, ist die schlechte Laune des Hausbesitzers.

Artjom Loskutow (oder Artem Loskutov, falls Sie die englische Transliteration bevorzugen) ist ein junger russischer Künstler aus Nowosibirsk. Am 15. Mai 2009 ist er verhaftet worden - offizieller Grund: der Besitz von Marihuana, und zwar in einer Menge (elf Gramm, heißt es), die offenbar als so bedrohlich angesehen wird, dass Loskutow nach wie vor in Untersuchungshaft sitzen muss. Nun bestreitet Loskutow die Vorwürfe, und da er in der Vergangenheit schon öfter mit den Obrigkeiten über Kreuz geraten war, liegt die Vermutung nahe, dass die offizielle Version allenfalls ein Teil der Wahrheit ist. Das Künstlerkollektiv Chto Delat hat darum den heutigen Tag zu einem Tag internationaler Solidarität erklärt und bittet um verschiedene Unterstützungsaktionen, von Spenden für den Inhaftierten bis zu Protestbotschaften an das sibirische Gericht, das Loskutows Fall morgen verhandeln wird. Mehr …

No Sensations

IMG

Sonic Youth als museales Objekt: Bis vergangenen Sonntag war die Ausstellung Sensational Fix in Düsseldorf. Ich habe grade noch den letzten Tag erwischt, und um es gleich zu sagen: Es hat sich auch nicht wirklich gelohnt. Nicht, weil die Ausstellung besonders mißraten wäre. Sondern einfach nur deshalb, weil sie merkwürdig beliebig und gleichgültig gegenüber dem wirkte, was sie zu zeigen vorgab, nämlich den Crossover von Popkultur, Punk und Avant-Ästhetik, den Sonic Youth seit mehr als zwanzig Jahren repräsentieren. Mehr …

Ce que gazouiller veut dire

Ich habe die Vögel gewählt, andere den Synthesizer. - Oliver Messiaen

Zu meinen Lieblingsplatten gehört ein Doppelalbum mit Vogelstimmen, eine alte Ariola-Platte (tatsächlich die Lizenzveröffentlichung eines Amiga-Albums aus der DDR), die sich mein Vater mal für den Schulgebrauch zugelegt hatte. Wenige Platten sind so entspannend und anregend wie diese simple Aneinanderreihung verschiedener Formen von Gezwitscher, unterbrochen jeweils von der leicht anämischen Stimme eines (laut Plattencover sehr authentischen) DDR-Ornithologen - “Nummer vierundzwanzig: Die Haubenlerche”.

Möglicherweise muss ich deswegen auch immer hinlesen, wenn es irgendwelche Studien zu irgendeinem interessanten Aspekt des Vogelgesangs gibt. Wie zum Beispiel diese hier: Zebrafinken, die isoliert gehalten werden, entwickeln über einige Generationen hinweg einen Gesang, der dem Gesang der Artgenossen in freier Wildbahn ähnelt, heisst es hier. Mehr …



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