gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Die Bibliothekskirche von Zutphen

Broederenkerk, Zutphen

Noch eine Bücherkirche, auch in den Niederlanden und wie die Maastrichter Buchhandlung Dominicanen ebenfalls in einer ehemaligen Dominikanerkirche: Die öffentliche Bibliothek von Zutphen in Gelderland befindet sich seit 1983 in der Broederenkerk am nördlichen Rand der Altstadt. Die Kirche und das zugehörige Kloster wurden 1293 von Gräfin Margaretha von Geldern gestiftet, einer Tochter Guidos von Flandern. Da sie in den folgenden Jahrhunderten baulich kaum verändert wurde, bietet sie ein besonders anschauliches Beispiel gotischer Klosterarchitektur und sie war Vorbild für mindestens zwei neugotische Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts (die Josefskirche in Groningen und die Veitskirche in Bussum. —–>

Chemotherapie vom Castel del Monte

Beim immer lesenswerten XKCD erschien gestern dieser Beitrag:

XKCD
Quelle: XKCD CC BY-NC 2.5

Das ist sicher ein cooler Fakt, aber im ersten Moment dachte ich beim “italienischen Schloss” an den barocken Landsitz irgend eines dekadenten Duca, und sah vor meinem geistigen Auge, wie weißbekittelte Forscherteams im halb verfallenen und von Spinnweben umrankten Gebäude Schmutzreste zweifelhafter Herkunft von buntornamentierten Tapeten kratzen. Tatsächlich handelt es sich beim Schloß aber um eine der berühmtesten Burgen überhaupt, nämlich das Castel del Monte, die mysteriöse Burg Friedrichs II. in Apulien, über deren genaue Funktion auch heute noch gerne spekuliert wird.

Castel del Monte —–>

Eine Klosterbuchhandlung

Dominicanen Maastricht

Der Kapitalismus, schrieb Walter Benjamin, ist eine Religion, denn er dient “essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben”. Es hat also seine Berechtigung, wenn Kaufhäuser als Tempel des Konsums bezeichnet werden. Ganz besonders interessant wird es, wenn ein Kaufhaus in die Hülle einer Kirche schlüpft und ein sakraler Raum als Kulisse moderner Konsumrituale dient.

Die Suche nach Thomas Bernhards Geburtsort ermöglichte auch einen kurzen Zwischenstopp in Maastricht und einen Besuch in der Buchhandlung Dominicanen, die sich in der ehemaligen Kirche eines Dominikanerklosters befindet. Die Eröffnung vor ein paar Jahren sorgte für einiges Aufsehen, auch in deutschen Medien, und der Guardian wählte sie immerhin zu einem der schönsten Buchgeschäfte der Welt. Ich hatte schon seit langem vorgehabt, dort einmal vorbeizuschauen, und wie sich herausstellte, wäre ich fast zu spät gekommen. Dominicanen hat nämlich turbulente Zeiten hinter sich. Die selexyz-Kette, zu der die Buchhandlung ursprünglich gehörte, gibt es nicht mehr: Sie ging im Frühjahr 2012 in Insolvenz, wurde von einer Investorengruppe aufgekauft und fusionierte im vergangenen Jahr mit einer anderen großen Kette (De Slegte) unter dem Namen Polare. Eine Fusion, die nicht lange Bestand hatte, sondern schon im Januar ebenfalls Insolvenz anmelden musste. Die meisten Polare-Läden machten daraufhin dicht, auch Dominicanen war eine Zeit lang zu. Seit einigen Wochen hat man nun doch wieder geöffnet, auch dank einer erfolgreichen Facebook- und Crowdfunding-Kampagne, für die eigens ein entsprechendes Glaubensbekenntnis formuliert wurde, und versucht es nun in Eigenregie. —–>

Das Klosterleben des Thomas Bernhard in Holland

Vroedvrouwenschool, Heerlen

Wer ein Kind macht, sagt Oehler, gehört mit der Höchststrafe bestraft und nicht unterstützt. Nichts anderes, als dieser vollkommen falsche, sogenannte soziale Unterstützungsenthusiasmus des Staates, der, wie wir wissen, überhaupt nicht sozial ist und von dem gesagt werden muß, daß er nichts anderes als der unappetitlichste Anachronismus ist, der existiert, ist schuld daran, daß das Verbrechen, ein Kind zu machen und ein Kind in die Welt zu setzen, welches ich als das größte Verbrechen überhaupt bezeichne, sagt Oehler, daß dieses Verbrechen nicht bestraft, sondern unterstützt wird. (Gehen)

Der Ort hat ja für jeden Menschen eine Bedeutung, eine große. Zwei Orte sind die wichtigsten, dort wo er geboren ist, und dort wo er stirbt. (Gespräch mit Krista Fleischmann)

Es ist interessant, dass Thomas Bernhards Biographie just an einem Ort begann, der seine Existenz ebenfalls einem “sozialen Unterstützungsenthusiasmus” verdankt – wenngleich nicht von staatlicher, sondern von kirchlicher Seite. Im Jahr 1931 wurde Bernhard in Heerlen in der niederländischen Provinz Limburg geboren, “nicht zufällig”, wie er in seinem autobiographischen Text Ein Kind schreibt, denn seine unverheiratete Mutter sei aus Scham über die Schwangerschaft aus ihrem Heimatdorf geflohen: “Kurz darauf war sie in Heerlen, in einem Kloster, das nebenbei auch noch auf sogenannte gefallene Mädchen spezialisiert war, von einem Knaben entbunden.”

Und wie es dort zuging, das hat er sich an anderer Stelle ausgemalt: —–>

Erledigte Fälle

Die Inventur in der Mayerschen Buchhandlung ist scheinbar auch eine Art kultureller Generalabrechnung.

Philosophie - erledigt

Religion - erledigt

Zu den erledigten Fällen gehörten allerdings auch Dinge wie “Meditation”, “Chick Lit”, “Manga” oder “Kochen international”, von den abgewickelten Ländern und Weltregionen gar nicht zu reden.

Griechenland - erledigt

Gedenkstätten im Königsforst

Gedenkstein im Königsforst

Eine lange Runde durch den Königsforst, vorbei an einigen besonderen Orten der Erinnerung.

Für die meisten Kölner ist der Königsforst in erster Linie ein schönes Naherholungsgebiet. Aber der Wald hat auch eine bewegte Geschichte: Hier wurde Bergbau und Landwirtschaft getrieben, Parforcejagden und Manöver veranstaltet, Handels- und Pilgerkarawanen zogen durchs Gelände. Um die Spuren früherer Zeiten zu erkennen, muss man allerdings genau hinsehen: Viel ist nicht mehr übrig, und das, was es noch gibt, ist bisweilen im Dickicht des Waldes verborgen. —–>

Fossa Eugeniana

Fossa Eugeniana

Wenn man auf der Bundesstraße 510 von Rheinberg nach Kamp-Lintfort fährt, wird man vielleicht auf der linken Straßenseite einen Wasserlauf bemerken. Er unterquert die Straße kurz hinter der A57, etwa auf Höhe des britischen Soldatenfriedhofs, und begleitet sie vorbei an der Zeche Rossenray, am Stadtrand von Kamp-Lintfort entlang bis unterhalb der Terassengärten des Klosters Kamp. Hier verliert sich die Spur des Kanals zunächst, aber wer die Bundesstraße verlässt und durch die kleine Siedlung am Dachsberg vorbei über die landwirtschaftliche Wege Richtung Westen fährt, kann immer wieder deutliche Vertiefungen im Boden entdecken, die sich wie Gräben durch die Landschaft ziehen, teils mit Wasser gefüllt, teils mit Bäumen und Gebüsch überwuchert.

Der Wasserlauf und die Vertiefungen sind Reste eine ehrgeizigen Projekts aus dem 17. Jahrhundert: Der Fossa Eugeniana, einer geplanten, aber nie vollendeten Kanalverbindung zwischen Rhein und Maas. Ein Projekt, das nicht nur wirtschaftliche und verkehrstechnische, sondern auch strategische Gründe hatte: Es fiel in die Zeit des Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden, in dessen Verlauf sich die protestantischen nördlichen Provinzen von der spanischen Krone lossagten und ihre Unabhängigkeit erkämpften. —–>

Jean Paul 250

Jean Pauls Wohnhaus, Meiningen

Der Frühling und mein Leben fiengen mit einander an und der gütige Schöpfer wolte, daß sie noch mehrere Aehnlichkeiten hatten.
– (aus den Tagebüchern)

(Zu Jean Paul siehe auch “Die bücherarme Stadt”, “Das Spuckkästchen da drunten, das ist der Planet” und Jean Paul lesen!.)

Beltrovata

Dachreiter des Hauses Ahr

Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.
- Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856

Die “große schöne Schwester”, von der hier die Rede ist, hieß Betty Tendering, und das “elterliche Gut” war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf Höhe des Rheinkilometers 800 und ganz in der Nähe eines Dörfchens mit dem hübschen Namen Götterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen könnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal gehört hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg südöstlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer großen, als Badesee beliebten Kiesgrube, präsent.

Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz gesäumt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom Kühlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die Äcker und Wiesen durchqueren. Übrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstraße aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekrönt wurde, saß im Mai 1856 also die erwähnte Betty Tendering, träumte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom Grünen Heinrich verewigt und in der Gestalt der Dortchen Schönfund der Literaturgeschichte überantwortet hatte. —–>

Monströse Thesen

China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier:

Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.

Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (“Capitalist Realism”) über The Zombie Metaphor, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches Monsters Of The Market, über Zombies, Labor, and Catastrophism.

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